Karrierestart als Job-Feuerwehr
Zeitarbeit: Firmen als Sprungbrett für Einsteiger. Image der Branche wird besser: Immer mehr Akademiker bewerben sich.
Marc Ditschke glaubte alles über Zeitarbeit zu wissen, hatte er damals doch auf diesem Weg seinen Studentenjob bekommen. Um so mehr überraschte den PR-Berater jetzt das Angebot eines Internetunternehmens, dort zunächst für drei Monate mit einem Zeitarbeitsvertrag einzusteigen: "Berufskarriere via Zeitarbeit?", wunderte sich der 35jährige. "Ich wußte nicht, daß die Zeitarbeit qualifizierte Jobs im Marketing bietet." Seit Beginn des Jahres ist der Politikwissenschaftler bei Kelly Services unter Vertrag und weiß die Vorteile zu würdigen: "Ich will auch von meiner Seite schauen, ob die Tätigkeit und das Unternehmen zu mir passen." Allerdings sieht er auf Dauer im Spagat zwischen Arbeit- und Auftraggeber Nachteile: "Man ist motivierter, wenn man sich dem Unternehmen auch tatsächlich zugehörig fühlt."
Für die einen ist es ein Spagat, für andere eine Riesenchance. "Man wird ja gerade angefordert, weil man dringend gebraucht wird", sagt Karin Pitschel. Die Geschäftsführerin der Zeitarbeitsfirma "Arbeit und mehr" bezeichnet ihre externen Mitarbeiter als Feuerwehr fürs Büro. Jeder Einsatz sei wichtig und in jedem Fall geeignet, Berufserfahrungen zu sammeln - nicht selten verbunden mit der Aussicht auf einen festen Vertrag beim Kunden. "Zeitarbeit ist keine Lebensstellung. In der Regel bleiben die Beschäftigten zwischen drei Monaten und einem Jahr bei uns." Wechselwillige, Arbeitslose und Berufseinsteiger nutzten den kostenlosen Vermittlungsservice in kaufmännische Berufe, der mit der Arbeitnehmerüberlassung einhergehe. Zeitarbeiter, die länger im Pool von Karin Pitschel und ihrer Kollegin Marlis Krause bleiben, seien entweder älter als 50 und damit "schwer vermittelbar" oder vom Wechselvirus infiziert.
"Das ist kein Job für introvertierte Typen", betont Bianca Fahrenkrug, Marketingleiterin der Persona Service AG. Immer mehr qualifizierte Bewerber würden sich an ihr Unternehmen wenden. "Unsere Branche wird viel positiver wahrgenommen als noch vor ein paar Jahren."
Populärer ist die Zeitarbeit für die Beschäftigten geworden, weil sie inzwischen tariflich geregelt ist. Für die Betriebe ist sie seit Januar 2004 um so interessanter, weil die unbefristete Überlassung möglich ist. "Wir erschließen uns gerade im Projektmanagement ganz neue Tätigkeitsfelder über den gewerblichen und kaufmännischen Bereich hinaus", faßt Sprecher Thomas Lepple für den Bundesverband Zeitarbeit (BZA) zusammen. Ingenieure und Informatiker sind gefragt und eine aktuelle Studie der Lünendonk GmbH über "Führende Zeitarbeits- und Personaldienstleistungsunternehmen in Deutschland" bestätigt den Trend zur Höherqualifizierung: Bereits jeder fünfte Mitarbeiter der Top 15 Zeitarbeitsunternehmen hat einen Hochschulabschluß, und mehr als die Hälfte kann eine praktische Berufsausbildung nachweisen. "Aber auch bei mittleren und kleinen Anbietern steigt die durchschnittliche Qualifikation der Mitarbeiter", betont Lünendonk Geschäftsführer Hartmut Lüerßen. Die besser ausgebildeten Zeitarbeiter treffen auf qualifiziertere Jobs bei den Entleihern. "Die Ansprüche der Kunden steigen", sagt Petra Timm, PR Leiterin von Randstad. Der Branchenführer geht von einem wachsenden Markt in Deutschland aus.
Derzeit beschäftigen bundesweit rund 4000 Unternehmen 400 000 Zeitarbeitnehmer. Am Ende dieses Jahres sollen es noch Hunderttausend mehr sein. "Zeitarbeit wird zwar nicht die Lage auf dem Arbeitsmarkt verändern können", resümiert Bianca Fahrenkrug. "Aber sie kann zeitweilige Mehrarbeit zu einem dauerhaften Vollzeitarbeitsplatz bündeln."
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